"Gute Geschäfte" in Freiburg
So was hatte Freiburg noch nie erlebt. Im Historischen Kaufhaus am Münsterplatz kamen am Donnerstagabend die Chefs und Verantwortungsträger von knapp 40 Unternehmen aus Stadt und Region mit Vertretern von ebenso vielen sozialen Einrichtungen zusammen, um miteinander ins Geschäft zu kommen. Es war wie bei der Börse. Doch es floss kein Geld. Im Gegenteil: Geld war völlig tabu. Initiiert haben das Projekt namens “Gute Geschäfte” christliche Unternehmer zusammen mit Caritas und Diakonischem Werk.
Das Historische Kaufhaus war ein bunter Marktplatz, als die einstündige Handelszeit kurz nach 18 Uhr von dem Ex-Firmeninhaber und Stiftungsgründer Wilhelm Oberle, einem der Schirmherren der “Guten Geschäfte”, per Gongschlag eröffnet wurde. Vor allem die Vertreter der gemeinnützigen Organisationen hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um bei möglichen Handelspartnern Eindruck zu schinden. Kreative Verkleidungen und Mitbringsel aller Art sorgten für eine belebte Szenerie. Die Unternehmensvertreter kamen dagegen zumeist klassisch in dunklem Zwirn daher. Doch die Dynamik des Handelsgeschehens und auch der Spaß daran steckte dem Augenschein nach alle der schätzungsweise rund 250 Menschen im Historischen Kaufhaus an.
Die Idee, die da erstmals in Freiburg verwirklicht wurde, stammt aus den Niederlanden. Der Grundgedanke dabei ist, dass die Wirtschaft und der Sozialsektor sich gegenseitig etwas zu geben haben – und dadurch beide Seiten profitieren können. In Deutschland hat sich die Bertelsmann-Stiftung die Verbreitung dieses Konzepts auf die Fahnen geschrieben. Nach Pilotprojekten in Kassel, Jena und Frankfurt kommen die “Guten Geschäfte” in immer mehr deutsche Städte. Nach Heidelberg ist Freiburg der zweite Ort in Baden, wo ein solches Treffen stattfand. Hierher gebracht haben das Projekt der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer, der Bund Katholischer Unternehmer sowie der Caritasverband im Erzbistum und das Diakonische Werk Baden.
Manche Leistungsanbieter bei „Gute Geschäfte“ trugen ihren Katalog auf dem Rücken (links). Im Historischen Kaufhaus wurde nach reger Diskussion (rechts) manche Unterschrift unter Verträge gesetzt.
Alle Beteiligten hatten sich im Vorfeld überlegt, was sie möglichen Handelspartnern bieten könnten und was sie gerne haben würden. Dann ging es ans Verhandeln. Es durfte nur Leistung gegen Leistung getauscht werden – Geld war tabu. Erst wenn ein Deal unter Dach und Fach war und von einem der sogenannten Notare bestätigt wurde, erhielt das Ganze auch eine monetäre Dimension – allerdings nur zur Dokumentationszwecken.
Die Ersten, die beim “Notar” landeten, waren Mathilde Roentgen von der Pflastertub, einer Caritas-Einrichtung für Wohnungslose, und Jens Hupperich, Personalchef der Volksbank Freiburg. Sie vereinbarten, dass die Volksbank-Mitarbeiter ihre persönlichen Beziehungen nutzen werden, um für einen bisher Wohnungslosen eine Bleibe zu finden. Im Gegenzug nimmt die Pflasterstub Volksbank-Leute mit auf eine “Stadttour von unten”, bei der man die Stadt aus Perspektive von Menschen ohne Obdach kennenlernt.
Die Evangelische Stadtmission in Person von Stadtmissionar Norbert Aufrecht, der mit “Wir bieten – wir suchen”-T-Shirt durch die Gegend lief, kam mit der Deutschen Telekom ins Geschäft, vertreten von Ausbilder Bernhard Elmlinger: Die Telekom-Azubis programmieren ein Online-Handelsportal für Second-Hand-Artikel für die Stadtmission. Diese führt im Gegenzug Suchtpräventionsvorträge bei der Telekom durch. Dieser Abschluss allein hatte ein Volumen von knapp 5500 Euro. Insgesamt wurden in einer Handelsstunde ähnliche Geschäfte im Wert von mehr als 43000 Euro abgeschlossen.
“Ich bin mehr als zufrieden”, sagte Stefanie Krauter vom Diakonischen Werk Baden, die das Projekt “Gute Geschäfte” in Freiburg leitet. 2009 soll die zweite Auflage starten. Ob und wie die getroffenen Vereinbarungen umgesetzt werden, verfolgt ein Forschungsprojekt der Evangelischen Fachhochschule Freiburg unter Ägide von Professor Günter Rausch.